Essen-Steele: 50. Weihnachts- oder Schlagermarkt?

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Schlager-Powerfrau Anna-Maria Zimmermann gehört zu den „Dauerbrennern“ auf dem Steeler Weihnachtsmarkt und lockt immer Besuchermassen an. Archivfoto: Janz
Da war noch alles in Ordnung: Ralph Leurs (links) und Léon Finger (rechts) begrüßten gemeinsam OB Thomas Kufen auf dem Steeler Weihnachtsmarkt. Kurz vor dem Jubiläumsmarkt ist Ralph Leurs jetzt raus aus dem ICS. Fotos: Archiv
Das Konzept geht auf: Schlagerstars ohne Eintritt live erleben auf der Bühne direkt vor Léon Fingers Modegeschäft. Im Hintergrund rechts sieht man die Getränke-Hütte, die von Finger betrieben wird.
Das gibt‘s wahrscheinlich nur in Steele: Karneval zur Weihnachtsmarktzeit – ist eben Geschmackssache.

Der 50. Steeler Weihnachtsmarkt beginnt schon Ende Oktober – mit Schlagermoderator Stefan Mross, dessen ARD-Unterhaltungsshow „Immer wieder sonntags“ Anfang September aus dem TV-Programm geworfen wurde. Die „üblichen Verdächtigen“ aus der Schlagerstar und -Sternchen-Riege stehen für Steele schon in den Startlöchern. Und auch Karnevals-Stimmung soll es wieder auf der Showbüne am Kaiser-Otto-Platz geben. Anlässlich des Markt-Jubiläums gehen wir in die Analyse: Ist das alles noch eine vorweihnachtliche Stadtteilveranstaltung oder hat sich das Konzept in den vergangenen Jahren zum Schlager-Festival entwickelt?

Das Jubiläum „50 Jahre Steeler Weihnachtsmarkt“ – eine persönliche Analyse

Der Steeler Weihnachtsmarkt ist die Top-Veranstaltung des Jahres im Mittelzentrum und wurde von Anfang an durch den Steeler Mode-Kaufmann Léon Finger begleitet. In den Anfangsjahren wurde der Markt vor allem vom Steeler Veranstaltungskreis, einer Vereinigung von ortsansässigen Geschäftsleuten, vom Steeler Werbering (Geschäftsleute entlang der Bochumer Straße) und von der Steeler Bürgerschaft organisiert. Doch, dass der Markt sich in der Folge zu einem echten Publikumsmagneten entwickelt hat, liegt vor allem an der Kreativität und Genialität eines Mannes: Léon Finger. Kostenloses Bühnenprogramm, Nikolaus kommt per Hubschrauber, drehbarer Weihnachtsbaum und Eisenbahndorf auf dem Grendplatz, so hat Finger den Steeler Weihnachtsmarkt immer wieder neu erfunden – und das viele Jahre ehrenamtlich.

Gastrogewinne statt Ehrenamt

Finger selbst erinnert gerne daran, dass es in den Anfangsjahren ein ehernes Gesetz war, dass kein Steeler Geschäftsmann an dem Markt etwas verdienen sollte. Besucher sollten angezogen werden, die dann natürlich auch mit dem Glühwein in der Hand das Angebot der lokalen Geschäftswelt er-bummeln konnten. Buden oder Stände aus der Steeler Geschäftswelt gab es nicht, doch das hat sich inzwischen grundlegend geändert.
1997 wurde der Initiativkreis City Steele (ICS oder inzwischen moderner: Steele. live) gegründet und gilt seitdem als Veranstalter der Events in Steele und somit auch des Weihnachtsmarktes, 1. Vorsitzender von Beginn an ist Léon Finger, von mir einmal „Mister Event“ oder „Herr des Weihnachtsmarktes“ genannt. Er gilt mehr oder weniger in Personalunion als der Veranstaltungsorganisator und hat dafür unter dem Dach seines Mode Finger-Geschäfts ein Veranstaltungsbüro und die Steeler Gastro Service GbR vereinigt. Nicht der ICS, sondern Finger hat die neuen Weihnachtsmarkthütten gekauft, die seitdem an die Markt- und Schausteller vermarktet werden.

Der ICS zahlt die Attraktionen

Auf der ICS-Jahreshauptversammlung Ende August 2025 wurde dann das Prinzip erläutert: Der ICS hatte damals die finanzielle Last von GEMA-Gebühren (die später juristisch abgemildert wurden), um 10.000 Euro teurere Transportkosten für eine Lokomotive fürs Eisenbahndorf und die Künstlergagen, insgesamt in Höhe eines hohen fünfstelligen Gesamt-Betrags zu tragen. Attraktionen, die vor allem beim Weihnachtsmarkt den Gastro-Anbietern nutzen, denn gegessen und getrunken wird immer.
Der Geschäftsmann Finger hat schnell erkannt, dass es vor allem die Schlagersamstage sind, die Tausende Besucher nach Steele locken, da man dann die Stars kostenlos auf der Bühne sieht – und Geld in Glühwein, Bierchen und Bratwurst investieren kann. Als der Initiativkreis City Steele e.V. im Jahr 2017 beschloss, den Weihnachtsmarkt um eine original Almhütte / Almstube zu bereichern, nutzte die Familie Finger ihre familiären Wurzeln. Finger-Ehefrau Friederike brachte ihre Familie und Kontakte aus Österreich ein, um die Hütte mit echter, alpenländischer Authentizität zu führen. Weitere lukrative Gastrostandorte wie die Glühweinhütte direkt an der Bühne oder den Lokschuppen bewirtet auch Finger über seinen Gastro Service. Für Unmut hat gesorgt, dass gutgehende Gastro-Konkurrenz vom Markt ausgeschlossen wurde. Die beliebte Grünkohl-/Eintopf-Feldküche gibt es nicht mehr, die Betreiberin klagte in den sozialen Netzwerken darüber, dass ihr das Standgeld zu hochgesetzt worden sei. Auch das „Glühwürmchen“ fiel weg, dort steht nun die Almhütte. In der werden an jedem Freitag und Samstag während des Weihnachtsmarktes mit über 200 Besuchern DJ-Schlagerpartys gefeiert.

Schlager – auch in der Almhütte

Der Vorwurf, was Schlager- und seit einigen Jahren sogar Karnevalsmusik („Die Räuber“) mit einem vorweihnachtlichen Markt zu tun haben, prallt schon lange an Léon Finger ab. Die Besucher stimmen eben mit den Füßen ab und kommen in Scharen – sogar am Nikolaustag gibt‘s nach dem Nikolaus-Einflug wieder Schlager auf der Bühne.
Deshalb hat Léon Finger auch kein Interesse daran, die Marktlaufzeit zu verkürzen. Ganz im Gegenteil: Der 50. Steeler Weihnachtsmarkt öffnet bereits am 30. Oktober und damit so früh wie noch nie. Denn an den Schlager-Samstagen wird an den Gastroständen Kasse gemacht und dafür gibt es beim Jubiläumsmarkt bis zum 4. Januar 2027 genügend Wochenenden. Schaut man auf unterschiedliche Studien und Erhebungen, gibt ein Weihnachtsmarktbesucher im Durchschnitt etwa 20 bis 42 Euro pro Besuch aus.
Der ICS verweist gerne auf seine Social Media-Erfolge und hatte 2025 Besucherströme aus den Nachbarstädten und sogar dem Münsterland zu verkünden. Allerdings: Die absolute Mehrheit kommt an den Schlagersamstagen, doch wenn das Bühnenprogramm startet, hat die Steeler Geschäftswelt schon geschlossen…

Mit den sog. „Wechselhütten“ kann man laut ICS „ein Teil des Weihnachtsmarktes“ werden. Vereine, Kitas, Verbände und Familien bereichern so mit individuell geschmückten Buden das Bild. Die Wechselhütten-Idee hat aber auch einen anderen Hintergrund: Wer sich mit Glühwein, Wurst oder Reibekuchen versorgt hat, möchte gerne an schönen Ständen entlang schlendern. Deren Angebot sieht zwar gut aus, gekauft wird allerdings meist nicht so viel. Früher gab es auch in Steele den Deal „Biete eine schöne Hütte an und dazu kannst du eine zweite mit Gastroangebot bekommen“. Doch die Gastrovergabe ist momentan gesetzt. Selbst die HEU-Brüder hätten ihr Horster Privatbier zwar in einer Wechselhütte anbieten können, aber nur während der Woche und nicht an den umsatzstarken Wochenenden.
Mit vielen Markstand-Anfragen für Steele im Gepäck hat Léon Finger zeitgleich zum Steeler Markt sein Konzept auch in andere Städte gebracht. Zweimal organisierte er den Weihnachtsmarkt in Velbert mit, bis man sich angeblich wegen unterschiedlichen Gebühren für die Wechselhütten trennte. Auch in Dinslaken passte Fingers Marktmodell, doch dann gab es Unstimmigkeiten mit Mitstreitern in der Steeler Gastro Service GbR. Finger hat letztlich Dinslaken als Standort verloren, was die Verhandlungen zu den Schlagerstargagen erschwert hat, konnten die Künstler doch früher an einem Tag sowohl in Dinslaken als auch in Steele auftreten – jetzt nicht mehr. Immer mehr Schlagerspektakel jetzt auch mit Stefan Mross zum Auftakt und damit mehr Gastrohütten-Umsatz, das kommt nicht bei jedem an. Aber Finger hat es verstanden, sich ein starkes Umfeld aufzubauen. So fällt auf, dass im ICS-Vorstand außer Finger selbst keine Geschäftsleute aus Steele mehr vertreten sind. U.a. sind Personen aus dem Markt- und Schaustellerbereich nachgerückt, die aber von Finger z.B. den Betrieb des Schwenkgrills an der Weihnachtsmarkttanne erhalten oder gar selbst an seiner Glühweinbude vor der Bühne arbeiten. Werbegemeinschaften aus anderen Stadtteilen, die nur kleinere Events stemmen können, wundern sich zudem, dass die Stadt das Sicherheits-Konzept des Steeler Weihnachtsmarktes jährlich über die gesamte Marktlaufzeit bezuschusst. Finger sagt immer wieder „nach dem Weihnachtsmarkt ist vor dem Weihnachtsmarkt“. Und unter ihm als ICS-Vorsitzendem wird diesem Markt vieles untergeordnet. ICS-Veranstaltungen, die Geld kosten würden wie Blumen- oder Oster- und Mittelaltermarkt gibt es nicht mehr. Bei Events wie „Marktschreier“, „Steele karibisch“ etc. muss der ICS nur zwischen der Stadt und den Anbietern vermitteln, das Programm bringen diese selbst mit. Dazu gibt es im ICS immer mal wieder auch andere Meinungen, doch gerade aktuell sieht man mit Verwunderung, dass es schwer ist, sich neben Finger zu etablieren. So hat ICS-Vorstandsmitglied Ralph Leurs ausgerechnet kurz vor dem Jubiläumsmarkt sein ICS-Aus verkündet. Warum? Leurs war drei Jahre lang ein Aktivposten bei Social Media- und Künstlerbetreuung. In ICS-Kreisen wurde er gar, wie viele Jahre lang auch Optiker Jörg Schürholz, als potenzieller Finger-Nachfolger gehandelt. Doch Schürholz ist seit 2025 nicht mehr im ICS-Vorstand und Leurs jetzt ganz aus dem ICS raus. Finger selbst kokettiert gegenüber den Medien hin und wieder damit, dass er sich nach dem 50. Markt zurückziehen wird. Wie aber soll es dann in Steele weitergehen? Finger mag sich aus der ersten Reihe des ICS verabschieden, aber ohne ihn und seine Kontakte zur Markt- und Schausteller- sowie der Schlagerszene wird es schwierig, da er selbst neben sich bisher keinen Nachfolger aufgebaut hat. Und will die Familie Finger zukünftig auf das lukrative Vermarktungs- und Gastrogeschäft verzichten? Wohl nicht, denn aus der Rheinischen Post haben wir 2025 erfahren, dass Enkel Malte Finger zumindest schon in der Almhütte kräftig mitwirkt. Die Finger-Festspiele in Steele könnten also weiterlaufen. Detlef Leweux